Logo Ini-Preis Dokumentation Initiativenpreis 2003
PARITÄTISCHES Jugendwerk NRW
Wappen NRW Gefördert vom Ministerium für Schule, Jugend und Kinder NRW
Rede des 1. Vorsitzenden des PARITÄTISCHEN Jugendwerkes NRW,
Dr. Volker Bandelow

anlässlich der Verleihung des Initiativenpreises 2003 des Paritätischen Jugendwerkes am 19.12.2003 in Essen.
- Es gilt das gesprochene Wort -

Dr. Volker Bandelow Sehr geehrte Damen und Herrn,
lieber Frau Ministerin Schäfer
liebe Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen des Kulturzentrums im GREND, deren Gäste wir heute sein können,
liebe Preisträger und Preisträgerinnen,
liebe Mitglieder des PARITÄTISCHEN Jugendwerkes
und der Jury.

1999 untersuchte ein Forschungsprojekt der OECD viele ca. 15-jährige Jugendliche in der Welt hinsichtlich ihrer Lernerfolge im jeweiligen Bildungssystem. Als das Ergebnis veröffentlicht wurde, traf Deutschland der Schock. Es war nicht Spitze. Ganz im Gegenteil. Ich brauche das hier nicht weiter auszuführen.
Es folgte allgemeines Flügelschlagen in der Medienöffentlichkeit, in der Wissenschaft, in der Politik. Jetzt müsse aber etwas passieren! So könne das nicht weitergehen!

Und klar - es passierte auch was: Die Idee der Ganztagsgrundschule wurde geboren. Auch in den Kindergärten sollte die Lernleistung gesteigert werden. Politiker und Wissenschaftler entwickelten Konzepte, Strategien, Pläne. Natürlich wollte man auch Geld zur Verfügung stellen.
Da man genau das aber nicht hat - versucht man es jetzt mit Umschichtung.
Doch davon später ...

Schon bald nach der Veröffentlichung der PISA-Studie hat das Paritätische Jugendwerk in einer eigenen Stellungnahme darauf hingewiesen, dass Bildung nicht nur in der Schule vermittelt wird.
Schließlich reicht doch nicht nur das Erreichen kognitiver Lernziele, um im Leben zu bestehen. So wie Messer, Gabel und Löffel natürlich noch kein Dinner ausmachen, sind Lesen-, Schreiben-, Rechnen- und Grammatik-Können noch keine Bildung.
Ein solchermaßen erweiterter Bildungsbegriff liegt auch dem 11. Kinder- und Jugendbericht der Bundesregierung zugrunde. Und er bestimmt schon immer die Praxis der außerschulischen Jugendarbeit.

Es gibt Lernerfahrungen, die für das Leben wichtig sind und die man nicht in der Schule machen kann. Bildungsangebote müssen eine Lebensweltorientierung haben. Die Trennung von Erziehung und Bildung ist zu überwinden. Darum geht es. Um dies zu unterstreichen hat das Paritätische Jugendwerk seinen diesjährigen Initiativenpreis unter das Motto "In Initiativen lernen - durch Initiativen lernen" gestellt.

Ich habe, sehr geehrte Frau Ministerin, meine großen Zweifel, ob man den Jugendlichen wirklich gerecht wird, wenn man Bildung und Erziehung ausschließlich in der Schule verortet. Ich bin mir da wirklich nicht sicher angesichts von Lehrern, die nach der Schule Stadtteil und Stadt verlassen und keine Bindung an die Lebenswirklichkeit ihrer Schüler mehr haben. Ich bin mir auch nicht sicher mit Blick auf die unterschiedlichen Rollen, die z.B. Jugendliche in der Pubertät spielen wollen und müssen und für deren Entwicklung und Erprobung sie natürlich ganz unterschiedliche Umfelder brauchen. Ob da nicht zu kurz gedacht wird, wenn der Staat jetzt alle finanziellen Kräfte auf die Schule konzentriert und die außerschulische Jugendarbeit Stück für Stück zurückführt, austrocknet?

Ich fürchte, dabei werden bewährte Netzwerke zerrissen und noch instabile Netzwerke übermäßig belastet. Und wenn wir immer wieder deutlich machen, dass die außerschulische Jugendarbeit nicht vernachlässigt werden darf, so geschieht dies nicht aus Konkurrenzgefühl! Es geht nicht darum, welches Hilfssystem mit mehr Ressourcen ausgestattet wird oder wer mehr "Macht" erhält. Es geht nur darum, wie man den Bedürfnissen und der Lebenswirklichkeit von Jugendlichen heute und hier am besten gerecht wird.

Wir können uns, sehr geehrte Frau Ministerin, herzlich für die aktive Unterstützung unserer Arbeit durch Ihr Ministerium bedanken. Der Initiativenpreis, der heute zum fünften Mal überreicht wird, wurde aus dem Etat Ihres Hauses finanziert und aufgrund einer Juryentscheidung vergeben, an der aus Ihrem Hause auch Frau Elsing maßgeblich beteiligt war. Außerdem Frau Professorin Karin Böllert von der Universität Münster, die gleich auch noch einige Worte an uns richten wird; Herr Peil von der Fachhochschule Köln, Herr Melulis vom letztjährigen Preisträger, der Ruhrwerkstatt Oberhausen.

Wir haben uns die Entscheidung nicht leicht gemacht - das Angebot war vielfältig und immer handelte es sich ganz offensichtlich um Projekte, die mit Herzblut betrieben waren. Wir haben geprüft und abgewogen und sind schließlich zu einer einstimmigen Entscheidung gekommen, die so im wesentlichen von allen mitgetragen wurde. Die kleine Einschränkung beruht darauf, dass wir gerne der "börse" in Wuppertal für ihr musikalisch-schauspielerisch orientiertes Projekt "grenz>gänge - Ein Musik- und Tanzprojekt mit Grundschulkindern und Jugendlichen zwischen 14 und 17 Jahren" einen größeren Preis gegeben hätten. Da das Projekt aber bereits vom Kulturministerium eine nennenswerte Förderung erfahren hatte, haben wir es für nützlicher und sinnvoller erachtet, ein mehr originäres Projekt der außerschulischen Jugendarbeit zu prämieren. Dies soll die Arbeit der "börse" in keiner Weise schmälern. Es erhält hiermit eine "Lobende Erwähnung".

Den dritten Preis überreichen wir dem Handwerkerinnen-Haus in Köln für das Projekt "Pipilotta baut Villa Kunterbunt - Abenteuer Bauen für Mädchen". Dort konnten Mädchen etwas lernen, das gerade nicht im Zentrum ihrer Lernerfahrung in der Schule steht. Es ging um den Bau eines Hauses innerhalb eines fünftägigen Ferienprojektes im Sommer 2002 durch acht Mädchen im Alter von damals 10 - 14 Jahren - selbstverständlich unter fachkundiger Anleitung von zwei Schreinerinnen. Die Mädchen konnten sich spielerisch in ein Aktionsfeld einarbeiten, das traditionell den Jungen vorbehalten ist. In diesem Projekt konnten sie - angeleitet eben auch durch weibliche Vorbilder - an sich neue Fähigkeiten entdecken und entwickeln.
Übrigens: Wenn nun künftig das Land gerade den Zuschuss für Ferienprojekte auf Null fährt, dann werden solche Projekte und außerschulische Lernerfahrungen leider immer seltener.

Der zweite Preis geht an den "Geschichtenmacherinnen-Club" des Spielhauses Dießem in Trägerschaft des Werkhaus e.V. in Krefeld. Zunächst entwickelten und präsentierten dort nur Mädchen - erst später kamen auch Jungen hinzu - gemeinsam Geschichten. Das Thema des Projektes scheint vordergründig ein klassisch "schulisches" zu sein. Bei genauem Hinsehen stellt man aber fest, dass für eine derartige Arbeitstiefe in den schulischen Arbeitsplänen leider gar keine Zeit mehr ist.
Insbesondere die konzentrierte Arbeit an der Entdeckung und Entwicklung sprachlicher Kreativität in Verbindung mit der Vermittlung zahlreicher weiterer Kompetenzen - wie Vorlesen, Ausstellung machen, Internet-Präsentation entwickeln, Geschichten illustrieren - macht den Geschichtenmacherinnen-Club zu einem besonders guten Beispiel für außerschulische Jugendbildungsarbeit und erschien der Jury daher besonders wert, ausgezeichnet zu werden.

Den ersten Preis schließlich erhält die Werkstatt e.V. hier im Kulturzentrum Grend für sein Projekt "Grend forscht - über seltsame Pflanzen, Insekten und andere wilde Tiere". Ebenfalls im Rahmen eines Ferienprojektes konnte eine Gruppe von Kindern über zwei Wochen in Wald, Park und Zoo die natürliche Umwelt entdecken, naturwissenschaftliche Zusammenhänge erforschen, mit modernen Techniken aufzeichnen, präsentieren und schließlich durch eigene kreativ-künstlerische Tätigkeit vertiefend verarbeiten. Es ist gerade der hohe Grad vernetzter Kompetenzen, die in diesem Projekt entwickelt und vermittelt werden - Einsichten in die natürliche Umwelt, naturwissenschaftliche wie auch kulturpädagogische Lernziele, Medienkompetenz, ergebnisorientiertes Lernen in der Gruppe, Entwicklung eigener Kreativität und vieles mehr - die dieses Projekt für den ersten Preis würdig macht.

Allen Preisträgern und Preisträgerinnen sage ich zum Schluss einen herzlichen Glückwunsch! Allen Menschen, die am Gelingen der Projekte und der heutigen Preisverleihung beteiligt waren, einen herzlichen Dank! Und uns allen wünsche ich, dass auch künftig noch so gute Bildungsprojekte in der außerschulischen Jugendarbeit möglich und finanzierbar bleiben.
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