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PARITÄTISCHES Jugendwerk NRW
Wappen NRW Gefördert vom Ministerium für Schule, Jugend und Kinder NRW
Rede der Professorin am Institut für Sozialpädagogik der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster,
Dr. Karin Böllert
anlässlich der Verleihung des Initiativenpreises 2003 des Paritätischen Jugendwerkes am 19.12.2003 in Essen.

- Es gilt das gesprochene Wort -

Dr. Karin Böllert Kinder- und Jugendarbeit bildet
Als vor zwei Jahren der vierte Initiativen Preis des Paritätischen Jugendwerkes verliehen wurde, ist bei der entsprechenden Feier sehr eindrücklich auf die wenig erfreulichen Ergebnisse der PISA-Studie hingewiesen worden, ist das Entsetzen beschrieben worden, die diese ausgelöst haben und ist schließlich nach Auswegen aus der aller Orten beklagten Bildungsmisere gefragt worden. Zwei Jahre später ist PISA immer noch in aller Munde, die Ergebnisse sind immer noch Herausforderung genug und auch wenn die IGLU-Studie für die deutschen Grundschüler und –schülerinnen eher erfreulichere Ergebnisse zu Tage gefördert hat, wächst allmählich bereits die Angst vor der Veröffentlichung der Ergebnisse der PISA-Studie 2003. Und dennoch - zwei Jahre nach der letzten Preisverleihung befinden wir uns trotz aller Parallelitäten in einer ganz anderen Situation, reicht die Beschäftigung mit PISA weit über ein bildungspolitisches Wehklagen hinaus, sind erste Konsequenzen aus dem katastrophalen Abschneiden deutscher Schülerinnen und Schüler gezogen worden. So verbirgt sich hinter dem Slogan "Bildung ist mehr als Schule" der folgenreiche Versuch, sich endlich von einem Bildungsverständnis zu verabschieden, das Bildung mehr oder weniger auf eine bloße Wissensvermittlung reduziert. Zentraler Ort eines solchermaßen verkürzten Bildungsverständnisses ist die Schule. Aber nicht nur Schule selbst soll sich in Zukunft verändern und hat damit auch schon begonnen, auch Bildungsprozesse, die außerhalb von Schule stattfinden, erscheinen nun in einem ganz neuen Licht, erfahren eine sehr viel höhere Wertigkeit. Die Teilhabe an Bildung kann nicht mit dem Ende des Schulbesuches aufhören, sie ist lebenslänglich von zentraler Bedeutung für jeden einzelnen Menschen und für die Gesellschaft ein unschätzbar wichtiges Gut.
Worin aber besteht nun eigentlich diese veränderte Bedeutung von Bildung oder mit anderen Worten, warum wird Bildung immer wichtiger? Wie hat man sich ein erweitertes Bildungsverständnis nun denn vorzustellen und schließlich – was hat die Kinder- und Jugendarbeit eigentlich damit zu tun? Sicherlich, wenn Bildung nicht nur lebenslang stattfindet, sondern auch lebenslänglich erforderlich ist, hat Bildung viele Orte. Aber heißt das eigentlich auch, dass Bildung überall stattfindet, also auch in der Freizeit und auch in der Kinder- und Jugendarbeit? Und wenn ja, wie bildet die Kinder- und Jugendarbeit? Bin ich ein gebildeter Mensch nur noch dann, wenn ich mich permanent bilde? Oder zugespitzt formuliert – ist alles Bildung bzw. ist Bildung alles?

Zunächst ist Bildung ein umfassender Prozess, in dem die Entwicklung und Entfaltung solcher Fähigkeiten und Kompetenzen verankert ist, die Menschen grundsätzlich dazu in die Lage versetzen zu lernen. Solche Bildung ermöglicht es Menschen zunächst, ihre je spezifischen Leistungspotenziale zu entwickeln und entsprechend zu handeln. Bildung, die in diesem Sinne über eine reine Wissensvermittlung hinausreicht, befähigt Menschen dazu, Probleme lösen und Beziehungen gestalten zu können. Gerade deshalb ist Bildung nicht nur für den ökonomischen Erfolg einer Gesellschaft von großer Bedeutung, sie ist entscheidend vor allem auch für die Lebensperspektiven und Teilhabechancen jedes einzelnen Menschen. Bildung ist grundlegend für die materielle Sicherheit jedes Einzelnen und für die Entfaltung seiner Persönlichkeit; sie ist der Schlüssel, mit dem das Tor zu einer zukunftsoffenen, sozialen und ökonomisch erfolgreichen Entwicklung jedes Einzelnen, aber auch der Gesellschaft aufgeschlossen werden kann.

Angesichts der zunehmenden Komplexität der gesellschaftlichen Verhältnisse und in Anbetracht beschleunigter kultureller und technischer Entwicklungen, angesichts des Wandels von Lebensbedingungen fordert Bildung aber auch diejenigen heraus, die andere bilden. Bildung kann nämlich nicht mehr darauf beschränkt werden, den zu Bildenden solche Kenntnisse, Wissensbestände, Interpretationen und Regeln einer kulturellen Lebensform zu vermitteln, die man sich selbst angeeignet hat. Sie muss darüber hinausgehend vielmehr zur Aneignung solcher reflexiver und sozialer Kompetenzen beitragen, die es Menschen ermöglichen, wohlbegründet und verantwortlich zu handeln. Hierzu zählen dann z. B. Kompetenzen, die junge Menschen dazu in die Lage versetzen, unerwünschte und erwünschte Folgen gesellschaftlicher Entwicklungen und die des eigenen Handelns einschätzen zu können. Erst solche durch Bildung angeeignete Kompetenzen ermöglichen eine persönlich befriedigende und gleichermaßen verantwortungsvolle Lebensgestaltung. Bildung ist somit nicht nur immer wichtiger, lebenslänglich erforderlich und hat viele Orte, sie wird auch immer anspruchsvoller.
Wie geht nun aber die Kinder- und Jugendarbeit mit diesem Anspruch um, welchen Beitrag kann sie zu umfassenden Bildungsprozessen leisten? Die Antworten, die Vertreter und Vertreterinnen der Kinder- und Jugendarbeit aktuell auf diese Fragen geben, sind zum einen alles andere als einheitlich und zum anderen tendenziell durch die Befürchtung geprägt, im Kontext der aktuellen Bildungsdebatte nicht ausreichend wahrgenommen zu werden, gegenüber anderen Bildungsträgern ins Hintertreffen zu geraten, mit den eigenen Bildungsbemühungen nicht ausreichend gewürdigt zu werden.

Sieht man sich die Antworten einmal etwas genauer an, so lassen sich drei Gruppen von Antwortenden unterscheiden: die erste Gruppe insistiert darauf, schon immer einen Bildungsauftrag erfüllt zu haben. Es wird betont, dass die Kinder- und Jugendarbeit schließlich im KJHG als außerschulische Bildungsinstitution verankert ist. Weil der Hinweis auf das KJHG allerdings alleine nicht ausreichend wäre, wird darüber hinausgehend das Augenmerk auf die Praxis der zahlreichen Angebote und eigenständigen Bildungsmaßnahmen gelenkt, die ein eindeutiges Indiz dafür sind, dass der im KJHG formulierte Bildungsauftrag auch umgesetzt wird und in der Praxis der Kinder- und Jugendarbeit auf eine lange Tradition zurückblicken kann. Bei aller Überzeugung, mit der diese Gruppe völlig zu Recht auftritt, bleibt aber dennoch eine Frage unbeantwortet und zwar die Frage danach, warum in der Öffentlichkeit die Bildungsarbeit der Kinder- und Jugendarbeit so wenig anerkannt wird, warum statt dessen Kinder- und Jugendarbeit eher als bildungsferne Freizeitbeschäftigung oder Betreuung problembelasteter junger Menschen wahrgenommen wird.

Eine zweite Gruppe von Antwortenden versteht sich im weitesten Sinne als Opposition zu schulischen Bildungsprozessen. Frei nach dem Motto, "bei uns macht Bildung Spaß", wird die Freiwilligkeit der Teilnahme an Bildungsangeboten betont, wird hervorgehoben, dass die außerschulischen Bildungsprozesse in der Kinder- und Jugendarbeit ohne Leistungsdruck und Selektion auskommen. Kinder- und Jugendarbeit ist hier Ergänzung, wenn nicht sogar Korrektiv zu schulischen Bildungsprozessen. Aber auch hier bleibt wiederum trotz aller Berechtigung der vorgetragenen Argumente eine Frage unbeantwortet. In dieser Perspektive ist dies die Frage danach, warum es die Kinder- und Jugendarbeit angesichts eines solch optimistischen Bildungsverständnisses jahrelang versäumt hat, ihren eigenständigen Bildungsauftrag zu formulieren und öffentlich zu thematisieren, warum also die Kinder- und Jugendarbeit vielfach erst aufgeschreckt durch PISA und die Folgen beginnt, sich mit dem eigenen Bildungsauftrag konstruktiv auseinander zu setzen.

Im gewissen Sinne vereinigt die dritte Gruppe der Antwortenden die beiden ersten Gruppen, führt dabei aber über deren Antworten hinaus. Kinder- und Jugendarbeit wird hier begründet als besonderer Ort für lebensweltnahes, selbsttätiges, selbstorganisiertes, soziales und politisches Lernen. Leider wissen dies aber immer noch zu wenige und von daher gilt es, den Bildungsauftrag der Kinder- und Jugendarbeit öffentlichkeitswirksamer zu präsentieren und zu profilieren. Dies geschieht nicht durch die Betonung der Abgrenzung von schulischen Bildungsprozessen, sondern durch die Begründung der Eigenständigkeit des Bildungsauftrages der Kinder- und Jugendarbeit. Auf dieser Basis sind Kooperationen mit anderen Bildungsträgern dann nicht nur möglich sondern auch wünschenswert.

Vor dem Hintergrund der Gleichrangigkeit unterschiedlicher Elemente eines umfassenden Bildungsprozesses – genannt werden in diesem Zusammenhang so gewichtige Dinge wie die Entwicklung der Persönlichkeit, die Teilhabe an Gesellschaft und die Beschäftigungsfähigkeit - unterstützt die Kinder- und Jugendarbeit junge Menschen in ihren je subjektiven Bildungsprozessen. Sie vermittelt Selbstachtung und ein Selbstwertgefühl, sie fördert das Selbstbewusstsein, Kreativität und soziale Anerkennung. Damit schafft sie zentrale Voraussetzungen für die Motivation, Bildungschancen zu ergreifen, sich an Bildungsprozessen zu beteiligen. Ohne eine solche Motivation ist Bildung insgesamt aber gar nicht denkbar, denn Bildung kann zwar gefördert und angeregt, nicht aber erzwungen werden. Kinder- und Jugendarbeit begleitet junge Menschen insofern auf ihrem Weg zu gebildeten Menschen, indem sie ihnen die Chance eröffnet, die Teilhabe an Bildungsprozessen als befriedigende Befähigung zu einer selbstverantworteten Lebensführung zu erleben.

Die strukturelle Offenheit und Vielfältigkeit der Kinder- und Jugendarbeit ist dabei gleichermaßen Garant wie Herausforderung ihres Bildungsauftrages. Auf der einen Seite ist erst hierdurch die grundsätzliche Möglichkeit gegeben, an den sehr individuellen Bildungsvoraussetzungen, -erfahrungen, -bedürfnissen und –wünschen der Adressatinnen und Adressaten anzuknüpfen, sie zur Grundlage der eigenen Bildungsarbeit zu machen. Auf der anderen Seite darf Offenheit und Vielfältigkeit der Kinder- und Jugendarbeit allerdings nicht mit Beliebigkeit verwechselt werden. Eben nicht alles ist Bildung; professionell bilden tut die Kinder- und Jugendarbeit erst dann, wenn es ihr gelingt, die Inhalte und Ziele der Angebote einzuordnen in einen klar definierten Bildungsauftrag und wenn es ihr zudem gelingt, die Inhalte und Ziele in ihrer jeweiligen Bedeutung für umfassende Bildungsprozesse zu begründen. Dass ein solch anspruchsvoller Bildungsauftrag und ein solch komplexes Bildungsverständnis der Kinder- und Jugendarbeit längst nicht mehr bloße Theorie, sondern bereits eindrucksvolle Praxis geworden ist, dass haben die diesjährigen Preisträgerinnen und Preisträger sehr eindrücklich unter Beweis gestellt.
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